Atomwaffen: Der neue
nukleare Wettlauf im Schatten der Mullahs
HELMAR DUMBS
(Die Presse)
Baut der Iran die
Bombe, könnten sich andere Staaten gezwungen sehen, gleichzuziehen.
Wien.Es war eine
nukleare Kettenreaktion – im übertragenen Sinne: Zwischen Februar
2006 und Jänner 2007 kündigten 13 Staaten im Nahen Osten und Maghreb
Nuklearprogramme an, nach Jahren des Desinteresses. Offiziell
handelt es sich ausnahmslos um zivile Programme zur
Energiegewinnung.
Doch der
offensichtliche Auslöser dieser Kettenreaktion – Irans offensives
Streben nach einem vollen nuklearen Brennstoffkreislauf – ließ ein
zweites, verdecktes Motiv vermuten: Einem nuklear bewaffneten Iran
eigene Atomwaffen entgegenzusetzen. Also ein atomarer
Rüstungswettlauf im Nahen Osten – einer der instabilsten Regionen
der Welt. Dass ein solches Szenario nicht aus der Luft gegriffen
ist, zeigt eine aktuelle Analyse des Londoner „Instituts für
Strategische Studien“ (IISS), die am Freitag in Wien präsentiert
wurde. Das 160-Seiten-Papier analysiert akribisch die Motive und
Potenziale der einzelnen Staaten. Und die stehen unter Zeitdruck:
„Das worst-case-Szenario ist, dass Iran bereits Ende 2009 die
Kapazität hat, Atomwaffen zu bauen“, sagt Studienautor Mark
Fitzpatrick im Gespräch mit der „Presse“. Auch wenn es
wahrscheinlicher sei, dass es noch länger dauere.
•Für Saudiarabien
wäre ein nuklear bewaffneter Iran laut IISS eine „direkte
Bedrohung“. Die Rivalität der Saudis als „Hüter der Heiligen Städten
des Islam“ mit dem Iran als Zentrum des Schiitentums ist so alt wie
groß. Dennoch ist Riad kein heißer Kandidat für ein
Eigenbau-Waffenprogramm: „Die Saudis haben keine Infrastruktur,
nichts, worauf sie aufbauen könnten“, meint Experte Fitzpatrick.
Bleiben zwei andere Varianten: Das Schlüpfen unter den nuklearen
Schirm Verbündeter, oder der Kauf ausländischer „Produkte“. Mit
Pakistan existiert etwa ein Verteidigungspakt – unklar ist, ob der
eine wie immer geartete nukleare Option enthält.
•Ägypten sieht
sich vom Iran nicht direkt bedroht, ist aber laut IISS dennoch der
wahrscheinlichste Kandidat für eine nukleare Bewaffnung im
Kielwasser Irans: „Ägypten hat viel Expertise, sein Nuklearprogramm
ist weiterentwickelt als das aller anderen arabischen Staaten.“ Im
Falle Kairos spielt auch die Prestige-Frage eine Rolle: Seine
schwindende Vormachtstellung im Nahen Osten würde durch eine
Atommacht Iran einen weitern Dämpfer erhalten. Zweideutige
Statements der Staatsführung erregen ebenso Verdacht wie die
Tatsache, dass Kairo nicht alle nuklearen Aktivitäten der
Atomenergiebehörde IAEA gemeldet hat.
•Syrien ist ein
Sonderfall, denn Damaskus ist ein Verbündeter Irans – und es
bastelte offensichtlich an einem Reaktor. Dies wurde im Gefolge des
Angriffs israelischer Flugzeuge auf eine Anlage bei al-Kibar im
September 2007 deutlich. Die Bauart entsprach dem nordkoreanischen
Reaktor in Yongbyon. Auf Elektrizitätserzeugung sei er nicht
ausgerichtet gewesen, und dass es nur eine Forschungseinrichtung
war, schließt Fitzpatrick „aufgrund der Geheimnistuerei“ eher aus.
Die „Nordkorea-Connection“ hält man beim IISS für sehr
wahrscheinlich, wenngleich ein wasserdichter Beweis fehlt.
US-Geheimdienst-Angaben seien glaubwürdig.
Entwickeln Länder,
die sich durch Iran unter Zugzwang sehen, ein ziviles
Nuklearprogramm, erscheint dies zunächst als wenig bedrohlich. Doch
kann ein solches auf vielfältige Weise als Basis und als Deckmantel
dienen: Die Expertise, die hier gesammelt wird, kann später oder
parallel in die Entwicklung von Atomwaffen fließen, das gleiche gilt
für die entsprechende Infrastruktur.
Unter Zugzwang
Eine Möglichkeit
ist falsche Deklarierung: Übertreffen die realen Kapazitäten der
Atomanlagen die gemeldeten, kann man Material abzweigen. Nötig wäre
dazu freilich undeklariertes Roh-Uran. Deshalb erregt es Verdacht,
wenn ein Staat – so wie Iran – darauf besteht, den
Brennstoffkreislauf vollständig selbst zu beherrschen, anstatt
Brennelemente zu importieren. Brechen würden die Dämme, wenn im
Gefolge Irans ein weiteres Land in der Region nach Atomwaffen greift
und so die anderen unter Zugzwang bringt. Oder bei einem Rückzug aus
dem Nicht-Verbreitungsvertrag. Und genau damit drohte die arabische
Liga für den Fall, dass Israel sich auch offiziell als Atommacht
deklariert.