Geiseln der iranischen Religionsdiktatur
WELT ONLINE - Germany
770 000 Anhänger der Glaubensgemeinschaft
der Bahai leben im Iran. Sie werden verfolgt - auch deshalb, weil
sie Israel anerkennen
Der Vorwurf lautet: "Gefährdung der nationalen Sicherheit". Eine
Anschuldigung, die den iranischen Geheimdienst gezielt zuschlagen
lässt: Sieben Mitglieder der Koordinierungsgruppe der Bahai nahmen
Teherans Häscher fest und übergaben sie den Knechten des
gefürchteten Teheraner Evin-Gefängnisses. Die Bahai würden mit
"Ausländern und besonders mit Zionisten Verbindungen haben", schob
Regierungssprecher Qolamhussein Elham eilig als Begründung nach.
Die Bahai aber streben nicht nach politischer Macht, sie haben
nicht einmal eine Partei. Trotzdem hat die religiöse Machtelite die
Bahai-Administration verboten, ebenso wie die säkularen Parteien,
die alle seit mindestens 27 Jahren verboten sind. Die Bahai werden
im Iran verfolgt, ihnen ist der Zugang zu staatlichen Ämtern
verwehrt. Ärzte, Apotheker, Professoren oder Lehrer, die der
Religionsgemeinschaft angehören, dürfen seit 1979 ihrem Beruf nicht
mehr nachgehen, seit Ayatollah Khomeini sein Land mit der
islamischen Revolution überzog. Aus den iranischen Universitäten
werden Studenten, die sich zum Bahai-Glauben bekennen,
ausgeschlossen. Wie sollten sie die nationale Sicherheit gefährden?
Die Bahai sind Andersgläubige und begeben sich damit in der
totalitären Religionsdiktatur bereits auf einen ideellen
Kollisionskurs. Der iranischen Staatsideologie fielen Tausende von
Andersdenkenden zum Opfer, im Namen der islamischen Revolution
wurden und werden Muslime und Nicht-Muslime massiv unterdrückt.
Dabei ist die Bahai-Religion humanistisch und aufklärerisch. Sie
propagiert das Prinzip der Liebe, Hoffnung und Verantwortung für
Mensch und Natur. Es sei besser, keine Religion zu haben, als eine
Religion, die zur Gewalt aufruft, lautet ein Leitsatz. Die Suche
nach Wahrheit ist ihnen ebenso wichtig wie Meinungsvielfalt oder die
Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie befürworten demokratische
Parlamente, treten Parteien aber nicht bei.
Bahaullah, der Offenbarer der Bahai-Religion, schlug Ende des 19.
Jahrhunderts eine Erweiterung der parlamentarisch-demokratischen
Systeme auf internationaler Ebene vor. Die Welt benötige eine
Weltlegislative, Weltexekutive und Weltjudikative auf demokratischer
Grundlage, sagte er. Auf der Grundlage universeller Menschenrechte
unterstützen die Bahai die Vereinten Nationen.
Für sich selbst haben die Bahai den Klerus abgeschafft. Sie beten
direkt zu Gott. Das politische System des Iran ist jedoch auf dem
Prinzip der "Statthalterschaft der Rechtsgelehrten" aufgebaut. In
der iranischen Verfassung ist verankert, dass die Fortsetzung der
islamischen Revolution im "In- und Ausland" geplant sei zum Ziel der
"Errichtung einer einheitlichen Islamischen Weltgemeinschaft". Ein
Widerspruch zu den Grundsätzen der Bahai, die für eine Welt
kultureller und religiöser Vielfalt eintreten.
Das iranische Mullah-Regime wirft den Bahai vor, Zionisten zu sein,
weil ihr Weltzentrum in der israelischen Hafenstadt Haifa liegt.
Bahaullah, in Persien geboren, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts nach
Akka in der Nähe Haifas verbannt. Was die Bahai in den Augen der
iranischen Mullahs zu Staatsfeinden macht, ist ihre Überzeugung,
dass Israel - zumal als Mitglied der UN - ein Existenzrecht habe.
Die Bahai erkennen Israel an, weil sie glauben, dass mit der neuen
Offenbarung ein alttestamentarisches Versprechen erfüllt wird und
die Juden nach 2000 Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie
mischen sich aber nicht in die Parteipolitik ein.
Die offizielle Staatsdoktrin des Iran besagt dagegen: Palästina ist
seit 1948 besetzt. Schon Ayatollah Khomeini wollte Jerusalem
"befreien", und der jetzige Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat sich
zum Ziel gesetzt, alles zu tun, damit Israel aus "den Annalen der
Geschichte getilgt" werde.
Gleiches hat die Diktatur offenbar mit der Bahai-Gemeinde im Iran
vor: Sie soll vernichtet werden. Die Administration dieser
religiösen Gemeinde wurde vor 28 Jahren verboten. Die Machthaber
fürchten ein wachsendes Interesse der iranischen Bevölkerung an der
Bahai-Religion. Und da sie nicht alle etwa 460 000 Bahai im Iran
einsperren können, nehmen sie Geiseln. Die sieben verhafteten
Geiseln heißen: Behrouz Tavakkoli, Saeid Rezaie, Fariba Kamalabadi,
Vahid Tizfahm, Jamaloddin Khanjani, Afif Naeimi und Mahvash Sabet.