|
Home

Thomas Schmidinger: Rote Fahnen, schwarze Berge
Reportage
Jungle World Nr. 24, 16. Juni 2005
Die linke kurdische
Guerillabewegung Komala kämpft gegen das islamistische
Regime im Iran. Ihr Hauptquartier in Sargues besuchte
thomas schmidinger
Von Thomas Schmidinger
DruckenAus der Ferne betrachtet, sieht Sargues aus wie
viele andere Dörfer im Nordirak. Kleine, einstöckige
Häuser drängen sich an den Berghang, so wie es für die
kurdische Architektur typisch war. In den Bergen war man
sicherer vor Angriffen und konnte zudem der drückenden
Sommerhitze entfliehen; erst im 20. Jahrhundert begannen
die Menschen, sich auch im Tal anzusiedeln.
Die EinwohnerInnen von Sargues sind jedoch nicht vor der
Hitze geflohen, sondern vor einem diktatorischen
islamistischen Regime. Das Dorf, das an den Hängen des
Karadag, des in türkischer Sprache benannten »Schwarzen
Berges« im Südosten von Suleimaniya liegt, ist das
Hauptquartier der Komala, der linken kurdischen
Peshmerga (Guerillakämpfer) aus dem Iran.
Wenn man auf der holprigen Straße von Suleimaniya in
Richtung Halabja fährt und den Checkpoint der
Puk-Peshmerga hinter sich gelassen hat, zweigt rechts
eine kleine, aber mittlerweile geteerte Straße in das
Gebirgsmassiv des Karadag ab. Dieses Gebiet war auch
unter Saddam Hussein selten unter Kontrolle der
Zentralregierung. Peshmerga der Puk und der
Kommunistischen Partei des Irak hatten hier eine ihrer
Bastionen und verschanzten sich in den »Schwarzen
Bergen«. Wie überall im kurdischen Teil des Irak wurden
auch hier viele Dörfer in den achtziger Jahren völlig
zerstört. Eines dieser zerstörten Dörfer war Sargues.
An der Stelle des alten Dorfes wurde nach der Befreiung
des kurdischen Nordirak das Hauptquartier der iranischen
kurdischen Guerillabewegung der Komala errichtet. Das
Hauptquartier war ursprünglich näher an der iranischen
Grenze, doch die Aktivisten mussten sich nach einigen
Angriffen des iranischen Geheimdienstes mit ihren
Familien hierher zurückziehen. Seither werden hier die
politischen und militärischen Aktivitäten der Gruppe im
Iran geplant.
Wo vor einigen Jahren nur eine Zeltstadt existierte,
wurden im Laufe der Zeit feste Häuser errichtet. Heute
besitzt Sargues eine Bibliothek, einen Internetzugang
und Satellitenfernsehen. Das gemeinsame Abendessen wird
in einer gemauerten Kantine eingenommen. Es ist einfach
und niemand bleibt allzu lange sitzen. Man will dem
iranischen Geheimdienst nicht die Möglichkeit geben,
alle Kader der Partei auf einem Fleck vorzufinden, und
sitzt am Abend lieber in Kleingruppen zusammen, um über
Politik oder die vielen kleinen Dinge des Lebens zu
plaudern.
Die Komala ist keine der vielen kleinen, nur noch im
europäischen oder US-amerikanischen Exil existierenden
Splittergruppen der iranischen Linken. Zwar hatte auch
sie schon einmal mehr Peshmerga unter Waffen, allerdings
erfreut sie sich im kurdischen Teil des Iran immer noch
einer großen Popularität. Gemeinsam mit der bürgerlichen
Demokratischen Partei Kurdistans-Iran stellt sie im
kurdisch dominierten Nordwesten des Iran wohl die
stärkste Oppositionskraft dar.
Die stärkste sozialistische Guerillabewegung im
iranischen Teil Kurdistans arbeitet jedoch nicht nur mit
kurdischen Oppositionsgruppen zusammen. Wie der
Generalsekretär der Komala, Abdullah Mohtadi, betont,
versuche sie gleich auf mehreren Ebenen, die
zersplitterte iranische Opposition zusammenzuführen. Die
Allianzen mit Organisationen anderer Bevölkerungsgruppen
würden verstärkt.
Rund 50 Prozent der iranischen Bevölkerung sprechen
nicht die Amtssprache Farsi als Muttersprache.
Autonomiebestrebungen der Azeris, Araber, Balutschen
oder Lori wurden in den vergangenen Jahrzehnten ebenso
unterdrückt wie jene der Kurdinnen und Kurden. Abdullah
Mohtadi betont jedoch, dass es der Komala nicht um die
Errichtung eines unabhängigen Kurdistan gehe. Vielmehr
wolle er eine freiwillige Allianz gleichberechtigter
Bevölkerungsgruppen im Rahmen eines föderalen Staates.
So bildet die dritte Ebene der oppositionellen
Zusammenarbeit denn auch die Suche nach Gemeinsamkeiten
mit nichtethnischen oder der persischen
Bevölkerungsmehrheit zugehörenden Oppositionsgruppen.
»Auch die Studenten-, Arbeiter- und Frauenbewegungen in
den iranischen Städten sind für uns wichtige
Bündnispartner in unserem Kampf gegen das Regime«, sagt
der Generalsekretär der Partei.
In der Komala selbst scheinen Frauen eine wichtige Rolle
zu spielen. Überall im Camp sieht man Frauen unter
Waffen. Shirin, eine junge Frau, vielleicht Anfang
zwanzig, scheint in der Radiostation mehr oder weniger
das Kommando zu führen. Stolz zeigt sie uns nicht nur
ihren Arbeitsplatz, sondern bietet uns auch gleich an,
mit ihr im Speisesaal des Camps zu Abend zu essen.
Früher, so meint sie, sei dies alles viel improvisierter
gewesen: »Vor einigen Jahren haben hier alle noch in
Zelten gehaust. Von einem Speisesaal wie diesem konnten
wir damals nur träumen. Mittlerweile haben wir aber
nicht nur feste Häuser, sondern auch eine kleine
Bibliothek, Internetanschlüsse und eben unsere
Radiostationen.« Shirin und ihre Freundinnen strahlen
ein Selbstbewusstsein aus, das oft bei Frauen in
militanten Befreiungsbewegungen zu beobachten ist.
Ob sie die während des bewaffneten Kampfes eroberten
Positionen auch in die Zeit nach dem Guerillakrieg
retten können, wird sich erst erweisen müssen. Die
Komala weist darauf hin, dass Frauen auch in zentralen
Positionen in der Partei vertreten seien. Dies ist
jedoch noch keine Garantie für eine ausreichende
Partizipation an der gesellschaftlichen und politischen
Macht nach dem Ende des bewaffneten Kampfes.
Bei anderen Guerillabewegungen wie der guatemaltekischen
URNG, der eritreischen EPLF oder auch der der kurdischen
Puk verschwanden die Frauen bald nach dem Ende der
bewaffneten Kämpfe wieder hinter dem Herd. Die guten
Vorsätze der Komala allein werden nicht genügen, um eine
solche Entwicklung zu verhindern. Die Sensibilität für
das Thema ist jedoch vorhanden, es wird viel diskutiert,
und einige Unterschiede zwischen der Komala des Jahres
2005 und vielen Befreiungsbewegungen der siebziger Jahre
deuten darauf hin, dass die Beteiligung von Frauen an
den Kämpfen nicht nur als temporäre Dienstpflicht
betrachtet wird.
Obwohl am Eingang des Camps noch rote Fahnen zu sehen
sind, wird auf martialische kommunistische Ikonographie
weitgehend verzichtet. So definiert sich die Gruppe nach
außen nicht mehr unbedingt als »kommunistisch«, schon
gar nicht als leninistisch, sehr wohl aber als
sozialistisch. Darunter versteht die Komala jedoch nicht
ein am »arabischen Sozialismus« oder anderen autoritären
Modellen orientiertes System. Vielmehr strebt sie eine
pluralistische demokratische Gesellschaft an, die sich
allerdings an linken Grundpositionen wie der Gleichheit
der Geschlechter, einer manchmal etwas diffus wirkenden
»sozialen Gerechtigkeit« und persönlicher Freiheit
orientiert.
Dass die Freiheit des Einzelnen, die in vielen anderen
linken Strömungen in Theorie und Praxis zu kurz gekommen
ist, für die Komala eine wichtige Rolle spielt, mag auch
mit ihrem Gegner zusammenhängen. Wer ein sich
»antiimperialistisch« gebärdendes islamistisches Regime
zum Feind hat, unter dem es genau diese persönliche
Freiheit nicht gibt, weiß die liberalen Errungenschaften
der französischen Revolution, auf der ja der Marxismus
erst aufbauen konnte und wollte, mehr zu schätzen als
europäische Antiimperialisten, die sie oft
ausschließlich als Ablenkungsmanöver der herrschenden
Klasse oder gar »des Imperiums« begreifen. So beurteilt
die Komala auch die gegenwärtigen Veränderungen im Nahen
Osten anders als die Mehrheit der europäischen Linken.
»Man mag von den USA prinzipiell halten, was man will;
dass sie mit dem Sturz Saddam Husseins die Möglichkeit
einer Demokratisierung der Region eingeleitet haben,
gehört sicher nicht zu den Fehlern ihrer Politik«, sagt
der Generalsekretär der Partei. Eine ausländische
Militärintervention im Iran lehnt er jedoch ab. »Ich
denke, dass der Druck von innen und außen genügen wird,
um das Regime zu Fall zu bringen. Es gibt eine starke
Opposition, die alle gesellschaftlichen Gruppen erfasst.
Besonders die jungen Leute haben einfach genug von
diesem Regime, das sie in jeder Hinsicht beschränkt. Sie
haben keinerlei Freiheiten und keine ökonomische
Zukunft.«
Zwar sieht Abdullah Mohtadi auch die Fehlschläge der
US-Politik im Nahen Osten, allerdings betrachtet er die
Entwicklung tendenziell als positiv: »Dass heute die
autoritären Regimes im Iran oder in Syrien sich
zumindest zu Reformen gezwungen sehen, ist ein Resultat
des Drucks von außen. Früher wurden die Diktaturen der
Region vom Westen unterstützt, jetzt haben sie Angst.«
Umso unverständlicher scheint ihm deshalb die Position
der meisten europäischen Staaten. »Man kann mit
Regierungen wie dem iranischen Regime keinen fruchtbaren
Dialog führen. Was hier unter dem Titel eines Dialogs
mit dem Islam läuft, ist nur eine Legitimation
theokratischer Tyrannen.«
Hussein, ein junger Akivist, der die meiste Zeit des
Jahres als politischer Flüchtling in Berlin lebt und nur
im Sommer einige Wochen im Komala-Camp im Irak
verbringt, teilt diese Meinung: »Ich verstehe nicht,
warum die Deutschen sich gegenüber dem Regime in Teheran
so naiv verhalten. Nur weil sie die USA hassen, heißt
das doch noch lange nicht, dass sie jede
antiamerikanische Diktatur unterstützen müssen.« Während
wir mit ihm an Kindern vorbeispazieren, die in der
schwächer werdenden Abendsonne Fußball spielen, erzählt
er in perfektem Deutsch von seiner Frustration über die
deutsche Linke. Immer wieder haben er und seine Freunde
versucht, deutsche KommunistInnen und SozialistInnen auf
die Diktatur im Iran und die Verfolgung iranischer
Oppositioneller hinzuweisen.
Während er von seinen Hoffnungen auf eine Zeit nach dem
Ende der iranischen Theokratie erzählt, gleitet sein
Blick über die Berge am anderen Ende der Hochebene
zwischen Sulemaniya und Halabja. Die Berge im
Hintergrund, deren Gipfel noch von Schnee bedeckt sind,
liegen teilweise bereits im Iran. Im Sommer werden
wieder die jungen Peshmerga der Komala über diese Berge
in den Iran gehen und dort ihren Kampf weiterführen.
Quelle:
http://jungle-world.com/artikel/2005/24/15437.html
|