"Wir lassen uns nicht mehr so einfach manipulieren"
Im Libanon herrscht vor den
Präsidentschaftswahlen ein fragiler Frieden. Im
SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der libanesische Journalist
Ghassam Tweini, warum sein Land gerade jetzt die Chance auf
dauerhafte Stabilität hat.
SPIEGEL ONLINE: Im Golfemirat
Katar haben die bitter verfeindeten Vertreter der libanesischen
Regierung und der Opposition über Nacht Frieden geschlossen,
woran kaum noch jemand geglaubt hatte. Ist die Krise endgültig
beibelegt?
Tweini: Nein, aber wir haben erst
einmal einen Burgfrieden, der ein halbwegs normales
Funktionieren der Behörden ermöglicht und der Bevölkerung die
wachsende Furcht vor bewaffneten Zusammenstößen zwischen der
Armee und den Milizen nimmt ...
SPIEGEL ONLINE: ... mit dem
Risiko, dass die Schiitenmilizen irgendwann wieder zu schießen
beginnen und den Scheinfrieden zunichte machen?
Tweini: Das ist wenig
wahrscheinlich. Der Ablauf der jüngsten Machtdemonstration der
Milizen hat gezeigt, dass Gewaltpolitiker heute nicht mehr in
der Lage sind, Konfessionsgemeinschaften und soziale Gruppen
gegeneinander auszuspielen. Das war schon vor einem Jahr im
Nordlibanon deutlich geworden, wo aus dem Ausland eingedrungene
Bin-Laden-Sympathisanten Muslime und Christen gegeneinander
aufzuhetzen versuchten – ohne Erfolg. Auch die Armee ließ sich
damals ebensowenig spalten wie heute, und die Zivilgesellschaft
stellte sich ausnahmslos hinter den Staat – so wie heute.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleibt
genügend Zündstoff erhalten, um das Pulverfass wieder hochgehen
zu lassen: Nach der Doha-Vereinbarung darf die Opposition so
viele Minister ins Kabinett hieven, wie sie braucht, um jeden
Regierungsbeschluss zu torpedieren.
Tweini: Das stimmt zwar auf den
ersten Blick, wird aber in der Praxis nicht so einfach über die
Bühne gehen.
SPIEGEL ONLINE: Ein
Paradebeispiel ist das von den Vereinten Nationen beschlossene
internationale Tribunal zur Aburteilung der Attentäter von
Ex-Premier Rafik al-Hariri und ihrer Auftraggeber. Die
Opposition kann jetzt einen entsprechenden Regierungsbeschluss
mühelos verhindern, um ihre syrischen Alliierten, die von
zahlreichen Libanesen und von westlichen Diplomaten als
Drahtzieher des Mordanschlags bezichtigt werden, vor einem
Skandal zu bewahren.
Tweini: Es wird noch zahlreiche
andere Streitpunkte geben, aber trotzdem wage ich die
Behauptung, dass wir uns langsam auf eine neue, bessere Ära
einstellen sollten.
SPIEGEL ONLINE: Auch wenn die
Hisbollah weiterhin einen Staat im Staate unterhält und eine
eigene Armee kommandiert?
Tweini: Nicht einmal die
Hisbollah wird verhindern können, dass der libanesische Staat zu
neuem Leben erwacht, wie es jetzt der Fall ist und von allen
Libanesen mit wenigen Ausnahmen lebhaft begrüßt wird. Das ist
ein absolutes Novum. Das euphorische gesamtlibanesische Echo auf
das Ende der Dauerkrise und die endlich beschlossene, viel zu
lange hinausgezögerte Wahl eines neuen Staatspräsidenten, der
nach dem Wortlaut der Versöhnungstexte künftig als einzige
Instanz in Fragen der Landesverteidigung festgeschrieben wurde
...
SPIEGEL ONLINE: ... bislang hatte
sich ja die Hisbollah als selbsternannte Beschützerin des
Libanon dargestellt und 2006 einen harten Schlagabtausch mit
Israel durchgestanden ...
Tweini: ... bedeutet in meiner
Analyse, dass sich die Libanesen nicht mehr so einfach
manipulieren lassen wie vor einem Vierteljahrhundert. Das Bonmot
vom Krieg, zu dem keiner hingeht, ist im kleinen Libanon ein
zukunftsweisendes Phänomen geworden. Der Katar-Kompromiss kam ja
vor allem deswegen zustande, weil auch die gewaltbereiten
Entscheidungsträger die veränderte Grundhaltung der Bevölkerung
erkannt hatten.
SPIEGEL ONLINE: Ein Staat mit
einer schwachen Armee, die vorige Woche bei der blutigen
Machtdemonstration der Schiitenmilizen aus Furcht vor einer
Spaltung der Truppe nicht zum Einsatz kam, bleibt dennoch in
seiner Existenz gefährdet.
Tweini: Das ist ein Irrtum. Die
Armee war im Gegensatz zum Bürgerkrieg der siebziger und
achtziger Jahre in keiner Weise vom Spaltpilz bedroht, sondern
blieb in den Kasernen, um einen sinnlosen und verlustreichen
Kampf gegen eine parteiengesteuerte Parallelarmee zu verhindern.
SPIEGEL ONLINE: War das nicht
eher ein Zeichen der Schwäche?
Tweini: Es war ein Zeichen
politischer Weitsicht. Das Kalkül ging auf, weil das Volk sich
weigerte mitzumachen. Ein Bürgerkrieg ist heute einfach nicht
mehr möglich. Mit dieser Tatsache werden sich nicht nur die
Milizenführer, sondern auch ihre ausländischen Sponsoren noch
lange beschäftigen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Das mehrheitlich
sunnitisch-christlich geprägte Regierungslager hat weitreichende
Zugeständnisse machen müssen, was nicht nur die Position der
schiitischen Hisbollah, sondern auch den Einfluss der
schiitischen Republik Iran verstärkten wird.
Tweini: Das sehe ich anders. Iran
hat durch die Übergriffe der schiitischen Kampftruppen eher an
Prestige eingebüßt. In Teheran nimmt man sehr wohl zur Kenntnis,
dass der Zentralstaat mit der Wahl des Armeechefs zum neuen
Staatspräsidenten aufgewertet wurde, was den Einfluss der
Hisbollahführung schrittweise beschneiden wird. Der iranische
Botschafter in Beirut reagierte denn auch folgerichtig und rief
noch am Tage der Unterzeichnung des Doha-Friedens zahlreiche
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aller
Glaubensrichtungen an, übrigens zum ersten Mal auch mich, um
Befürchtungen entgegenzuwirken, die islamische Großmacht
unterstütze Bemühungen, die Schiiten zur dominierenden
Komponente im Libanon zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Wird die Armee
die Hisbollah-Streitmacht entwaffnen?
Tweini: Der neue Staatschef wird
unnötige Provokationen vermeiden. Es gibt subtilere
Lösungsvorschläge. Die Hisbollahsoldaten könnten zum Beispiel in
die Armee aufgenommen werden, ohne den Nimbus nationaler
Widerstandskämpfer zu verlieren.
SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sich im
Vorpreschen des Iran nicht auch der iranische Argwohn wider,
dass sich der syrische Bündnispartner mit Israel, dem Erzfeind
des Iran, auf die Rückgabe der Golanhöhen einigen könnte, was
die engen Bande zwischen Damaskus und Hisbollah stark
beeinträchtigen muss?
Tweini: Durchaus möglich. Aber
auch ohne diesen Zusatzfaktor ist es völlig unmöglich, dass der
Iran jemals den Libanon beherrschen wird – weder direkt, noch
indirekt.
SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich
verhindern, dass der Libanon immer wieder auseinander zu brechen
droht – wo liegt der Fehler?
Tweini: Das Erfolgsrezept ist
bekannt, doch niemand hat es bisher erprobt: Der Libanon sollte
in einen laizistischen Staat umgeformt werden. Nur die Trennung
von Staat und Religion kann den Bestand unserer vielschichtigen
Gesellschaft garantieren.
SPIEGEL ONLINE: Die Religion ist
eine zentrale Komponente, auf der auch das Proporzsystem bei der
Vergabe der wichtigsten Staatsämter basiert. Die christliche und
islamische Geistlichkeit wird sich da querlegen.
Tweini: Solch ein
fortschrittsorientierter Prozess wird naturgemäß lange dauern
und erfordert ein radikales Umdenken. Wir müssen erkennen, dass
die Religion Angelegenheit des Individuum ist. Der Staat muss
sich da raushalten – besonders in einem Land, in dem mehrere
Religionen verankert sind. Wir sollten uns auf die gemeinsamen
moralischen Werte der Religionen konzentrieren, die ohnehin
einander ähnlich, wenn nicht gar identisch sind.
SPIEGEL ONLINE: Hat solch eine
Utopie im Libanon 2008 einen nachvollziehbaren Aktualitätsbezug?
Tweini: Wenn nicht heute, wann
dann? Der Gedanke ist so alt wie der Libanon selbst. Immer mehr
Intellektuelle verlangen eine Art Kulturrevolution, die unsere
Gesellschaft von religiös verbrämter Machtpolitik befreit und
die Religiosität der Bürger auf den Kern der jeweiligen Religion
zurückführt. Warum soll solch eine Evolution im Libanon nicht
möglich sein? Es gibt bereits eine wachsende Gruppe von
Parlamentariern, die sich für diesen Gedanken einsetzen.
Das Interview führte Volkhard
Windfuhr