Dankesrede von Parvin Ardalan anlässlich der Verleihung des Olof
Palme Preises 2007
iran-women-solidarity.net
Übersetzung von Wahid Wahdat-Hagh,
Sehr geehrte Damen und Herren! Guten
Tag.
Ich bin sehr glücklich und geehrt,
dass ich von der unabhängigen und renommierten Olof-Palme-Stiftung
ausgewählt worden bin, den Olof-Palme-Preis zu erhalten. Dieser
Preis ist mir im Namen einer Persönlichkeit überreicht worden, die
für Gerechtigkeit, Frieden und Freundschaft gelebt und dafür mit
ihrem Leben bezahlt hat. Daher ist mir sehr bewußt, dass ich nun
eine noch größere Verantwortung trage. Ich bin davon überzeugt, dass
die Preisverleihung an mich nicht nur im Sinne der Ehrung der
individuellen Kämpfe der iranischen Frauen ist, ja, viel mehr ist
dies eine Ehrung für die gemeinschaftlichen Aktivitäten der sich für
Gerechtigkeit einsetzenden Frauenbewegung und der anderen sozialen
Bewegungen. Dieser Preis zeigt sehr gut, dass die Bemühungen
derjenigen, die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung im Iran
verteidigen, sehr effektiv waren, trotz aller Höhen und Tiefen, der
Sackgassen und frauenfeindlichen Steine, die ihnen in den Weg gelegt
wurden. Ja! Unsere Gerechtigkeit fordernde Stimme hat heute die
ganze Welt erreicht. Zudem bin ich mir aber auch sehr bewußt
darüber, dass mit diesem Preis der Druck und die Beschuldigungen
gegen mich zunehmen werden. Ich überreiche diesen Preis allen
iranischen Frauen, meiner Mutter, der Mütter der in den Kerkern
sitzenden Gefangenen, und allen anderen Müttern meiner Heimat, die
uns gelehrt haben, wie wir leiden, aber auch wie wir gegen die
Diskriminierung Widerstand leisten, damit wir unseren Kindern und
den künftigen Generationen beibringen, wie sie protestieren müssen.
Es war mein Wunsch bei Euch zu sein,
an diesem großen Tag, der gleichzeitig der hundertste Jahrestag des
Weltfrauentages ist, an diesem Tag, der an die Gerechtigkeit
fordernden Kämpfe der Frauen weltweit erinnert. Aber im letzten
Moment bekam ich kurz vor dem Abflug ein Ausreiseverbot von der
Staatsanwaltschaft, so dass ich nicht an diesem Ereignis teilnehmen
kann. Dieser Fall ist aber nicht allzu fremd, denn in meiner Region
Frau sein und zudem nach Gerechtigkeit zu rufen, bedeutet
gleichzeitig permanenter Kampf und Isolation. Ich bin stolz, dass
ich eine säkulare Frau bin und einer feministischen Bewegung
angehöre, die auf eine Geschichte des hundertjährigen Kampfes und
Widerstandes für die Realisierung der Frauenrechte zurückblickt.
Seit mehr als 100 Jahren kämpfen auch wir, gemeinsam mit unseren
Schwestern weltweit für die elementarsten Rechte, wie die freie Wahl
im privaten und gesellschaftlichen Leben, sowie das Recht über
unsere Kleidung zu bestimmen. Aber jedes Mal sind wir Opfer der
Politik ideologischer Regierungen geworden. Besonders in den drei
Jahrzehnten seit der „islamischen" Revolution wurden viele der
Errungenschaften der Frauen, die vor uns gekämpft haben, dieser
Politik geopfert: Gesetze wie das Familiengesetz, wurden aufgehoben.
Ebenso wurde das Recht auf freie Wahl der Bekleidung aufgehoben und
die Zwangsvorschriften für die Bekleidung wurden eingeführt und
gesetzlich durchgesetzt.
Nun sind es mehr als drei Jahrzehnte,
in denen wir uns bemüht haben, gleiche Ehe- und Scheidungsrechte zu
erlangen. Wir haben betont, dass das Recht der Männer auf mehrere
Frauen, eine mehrfache Beleidigung der Frauen ist. Aber dieses
Männergesetz wird weiterhin aufrecht erhalten. Seit Jahren fragen
wir, warum nach einem Ereignis oder Unfall, Frauen ein anderes
Wiedergutmachungsgeld erhalten als Männer und warum das Blutgeld der
Frauen halb so viel wert ist wie das der Männer. Wir fragen, warum
in unseren Gesetzen „Mann sein" als menschlicher Maßstab gezählt
wird und wir nur halb so viel Wert sind und manchmal noch weniger
zählen.
Wir sagen, dass der hohe Prozentsatz
der studierenden Frauen und ihre alltäglichen Bemühungen in den
gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Sphären präsent zu
sein, doch der beste Beweis dafür ist, dass die gesellschaftliche
Kultur weiter ist als das Gesetz. Dies zeigt auch, dass Gesetze
nicht der Kultur hinterher hinken dürfen. Wir fragen uns stets, wenn
der Iran der internationalen Konvention für bürgerliche und
politische Rechte und internationalen wirtschaftlichen Konventionen
beigetreten ist, dann müssten diese Konventionen umgesetzt werden.
Warum fühlt man sich nicht daran gebunden? Wir fragen, wenn gemäß
dieser Konventionen jede Form der Diskriminierung, wie die
geschlechtsspezifischen Formen, verboten sind, warum ist unsere
Gesetzgebung nicht daran gebunden? Beispielsweise, warum werden die
Studienplätze nach geschlechtsspezifischem Anteil vergeben?
Seit Jahren sagen wir, dass das Alter
der Strafmündigkeit für Mädchen höher gesetzt werden muss. Aber nach
wie vor behandelt man Mädchen mit 9 und Jungen mit 15, die
straffällig geworden sind, wie Erwachsene. Und die einzige Milderung
ist, dass die Exekution des Todesurteils erst mit 18 erfolgt. Wir
sind gegen die Todesstrafe und fragen, warum der Iran der
Hinrichtung der „erwachsen gewordenen Kinder" kein Ende setzt?
Seit Jahren bekommen iranische Frauen
große Probleme, weil sie mit afghanischen oder irakischen Männer
verheiratet sind. Gemäß der herrschenden Gesetze sind die Kinder
einer iranischen Frau in diesen Fälle keine Iraner. Wir fragen
warum?
Seit Jahren fordern wir ein Ende der
Steinigung und der Ehrenmorde in einer Gesellschaft, in der die
Gesetze auf der Grundlage von frauenfeindlichen Traditionen beruhen.
Ehrenmorde und Steinigungen fordern weiterhin Opfer. Aber heute sind
diese Verbrechen nicht mehr ein Teil der Kultur und der Tradition
der Gesellschaft, sondern sie sind ein Zeichen der Gewalt, die im
Schatten der Gesetzgebung täglich brutaler und mächtiger wird.
Gegenwärtig werden viele Mädchen und
Jungen auf den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen der Stadt
wegen der Art ihrer Bekleidung durch die Polizei unter dem Vorwand
der sozialen Sicherheit getadelt und verhaftet.
Die sozialen Bewegungen in Iran, wie
z.B. die Studenten-, Arbeiter- und Lehrerbewegung, fordern Freiheit
und Gerechtigkeit. Aber gegenwärtig sind viele der Aktivisten dieser
Bewegungen im Gefängnis. Täglich werden diese Bewegungen
unterdrückt, ihre Zusammenarbeit wird verhindert.
Wir Aktivisten der Frauenbewegung
demonstrieren mit unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen
Methoden, die Rolle und die Auswirkungen der diskriminierenden
Gesetze auf unser Leben. Wir kritisieren und protestieren gegen
gewalttätige Gesetze und fordern ihre Änderung. Dafür verurteilt uns
die Herrschaft, wegen Maßnahmen gegen die nationale Sicherheit und
Propaganda gegen das System.
Wenn wir zivilgesellschaftliche
Aktivisten und Frauenrechtler und Bürger dieser Gesellschaft die
nationale Sicherheit und die soziale Sicherheit gefährden, wer sind
dann die Beschützer der zivilgesellschaftlichen Sicherheit unserer
Gesellschaft? Auf diese Frage antwortet uns niemand.
Trotz des Drucks, der auf uns lastet,
bemühen wir uns, unsere Ziele zu erreichen und den Kampf zur
Erreichung unserer Menschenrechtsforderungen fortzusetzen. Wir
bemühen uns, die Erfahrungen unserer Vorgänger zu analysieren und
dabei unser historisches Gedächtnis zu bewahren. Wir sind bemüht,
von den Erfahrungen der Kämpfe der früheren Feministen aus dem Iran
und der übrigen Welt zu profitieren. Wir lernen von ihren
Errungenschaften und von ihren Niederlagen. Wir lernen von den
theoretischen Kenntnissen unserer Feministen im Ausland und im Exil.
So bereichern wir unsere täglichen praktischen Erfahrungen, so dass
nicht nur unsere Einsichten reichhaltiger werden, sondern auch
unsere Kapazitäten bei der Aufnahme von unterschiedlichen Stimmen
und Meinungen größer werden. Wir haben uns also stets bemüht,
originelle Methoden anzuwenden, um die Arena für die Gerechtigkeit
fordernden Kämpfe der Frauen zu erweitern, um die Ungleichheit in
der Gesetzgebung aufzuheben.
Wir sind bemüht, von den Erfahrungen
unserer Schwestern in den Nachbarstaaten unserer Region zu lernen
und mit ihnen in den Informationsaustausch zu treten, um unsere
Erfahrungen auszutauschen. Ein solcher Schritt wird die Macht der
Frauenbewegung in der Region und weltweit stärken. Dadurch werden
auch die inländischen Frauenbewegungen unter den Schutz der
internationalen Frauennetzwerke gelangen und dies wird zum Wachstum
der Bewegungen beitragen. Die Kampagne ‚Eine Million Unterschriften
zur Abschaffung der diskriminierenden Gesetze’ gehört zu den
kreativen Methoden der iranischen Frauenbewegung, die auf die
Aktivitäten unserer Schwestern in Marokko zurückgeht. Die Bewegung,
die sie dort mit Unterstützung ihrer Regierung für eine Änderung der
Gesetze durchgesetzt haben, versuchen wir von unten mit Hilfe von
Unterschriftensammlungn und Vier-Augen-Gespräche mit Männern und
Frauen durchzuführen, damit unsere gesetzlichen Forderungen einen
allgemeinen Charakter gewinnen. Wenn dann eine Million
Unterschriften bei den gesetzgebenden Institutionen eingereicht
werden, wird der Kampf zur Änderung der geschlechtsspezifischen
Diskriminierung erweitert werden.
Es sind 1,5 Jahre vergangen seit dem
diese Bewegung begonnen hat. Wir haben bis heute zwar nicht
erreicht, die Gesetze zu ändern, aber wir haben es geschafft, das
Bewußtsein [der Menschen] zu erweitern, kreative und demokratische
Diskussionen zu entwickeln, den Diskurs der Gleichberechtigung in
den verschiedenen Schichten der Gesellschaft und sogar in
verschiedenen Institutionen der Macht zu thematisieren und sie zu
zwingen zu reagieren und zu antworten. Wir haben uns in diesem
Prozess bemüht die Zivilgesellschaft zu demokratisieren, denn wir
sind davon überzeugt, dass die Berücksichtigung der Frauenrechte
eine Voraussetzung für die Demokratie ist. Die Probleme der Frauen
dürfen nicht als eine nebensächliche Randerscheinung betrachtet
werden und dabei dem Kampf der Forderungen nach demokratischen
Rechten geopfert werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass der
demokratische Weg über den Weg der Realisierung der Frauenrechte
geht.
Die Kampagne ‚Eine Million
Unterschriften’ mit ihren spezifischen und objektiven Forderungen,
mit ihrer friedlichen Methode, d.h. mit der Methode der
Unterschriftensammlung, mit dem hohen Preis, den die Aktivisten
dieser Bewegung zahlen und mit der Hilfe deren Anwälte, die
unentgeltlich die Aktivisten verteidigen, ist weltweit bekannt
geworden. Bisher sind mehr als 50 der Aktivisten dieser Kampagne
verhaftet worden oder sie befinden sich in Gerichtsverfahren oder
sind in Gefahr verhaftet zu werden. Es sind meist junge Männer und
Frauen in Teheran und in anderen Provinzen, die Gleichheit fordern,
die bei der Sammlung von Unterschriften in U-Bahnen und in
Parkanlagen und auf anderen öffentlichen Plätzen, wo sich Frauen
versammeln, verhaftet werden, oder während der Durchführung von
Arbeitsgruppen, in denen Frauenrechte gelehrt werden, oder bei
Schreibaktivitäten und der Erstellung von Websites, die zur Kampagne
‚Eine Million Unterschriften – Wandel für Gleichberechtigung’
gehören. Gegenwärtig sind noch zwei Aktivistinnen dieser Kampagne im
Gefängnis.
In dieser Bewegung sind auch die
Mütter der Aktivisten aktiv geworden, um ihre verhafteten Kinder zu
unterstützen. Sie wollen ihre Lage und ihre Forderungen verstehen,
um ihnen im zivilgesellschaftlichen Widerstand beizustehen und sie
zu unterstützen. Der Eintritt der Mütter und der Väter und anderer
Familienangehöriger in emanzipatorische und friedliche Bewegungen,
wird das Spektrum dieser Bewegungen erweitern und die Verbindungen
zwischen ihnen stärken. Gegenwärtig sind viele der Aktivisten der
Studenten- und der Arbeiterbewegung immer noch in Haft, während ihre
Verwandten zu aktiven Teilen dieser Bewegungen zählen.
Heute hat die Parole der Kampagne
„Wandel für Gleichberechtigung" mit Hilfe der inländischen
Aktivisten, aber auch dank der Hilfe der internationalen
feministischen Netzwerke und von Menschenrechtsaktivisten, der
nicht-iranischen Aktivisten, alle geographischen Grenzen
überschritten. Die signifikante Aktivität von Einzelpersonen der
Frauenbewegung im Iran und die Widerspiegelung ihrer Forderungen und
Kämpfe in internationalen Gremien ist lobenswert. Wahrlich können
wir sagen, dass wir iranische Frauen objektive und spürbare
politische Wahrheiten benannt haben und dabei unsere Prioritäten und
Forderungen formulierten, die wiederum von Aktivisten und
Menschenrechtsinstitutionen weltweit unterstützt und
weiterverbreitet wurden. In Wirklichkeit hängt die Fortsetzung
unserer Bewegung von den Kämpfen der Gerechtigkeit fordernden
Gruppen im Iran und weltweit ab.
Die emanzipatorische Bewegung im Iran
wächst dank dieser Verbindungen und aktiver gegenseitiger
Zusammenarbeit. Dies wird uns immer mehr Macht geben. Und sicher
wird auch die Feindseligkeit der frauenfeindlichen Kräfte und der
Feinde der Gerechtigkeit gegen uns stärker werden. Aber warum sollen
wir Angst haben? Wir glauben an die friedlichen Aktivitäten, die
unseren zivilgesellschaftlichen Widerstand verstärkt haben. Und
diese Wirklichkeit gibt uns permanent Kraft: Eine Kraft, die in
unser alltägliches Leben fließt, Leben schafft, innovativ und
spannend ist und uns Macht schenkt. Wir werden diese Kraft mit
unserem Leben beschützen.
Danke