Medwedew bei G8-Gipfel: Was geschieht
mit Iran?
07/07/2008 16:54 MOSKAU, 07. Juli (Pjotr Gontscharow, RIA Novosti).
Beim G8-Gipfel vom 7. bis 9. Juli in Japan wird der Atomstreit mit
Iran, obwohl nicht als Top-Thema anvisiert, im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit stehen.
Die
Situation um Teherans Atomprogramm entwickelt sich völlig anders als
erwartet.
Es
liegt nicht daran, dass Teheran die als "Anreiz-Paket" gemachten
Vorschläge der Sechser-Gruppe (UN-Vetomächte plus Deutschland), auf
die der Weltsicherheitsrat und die EU große Hoffnungen setzten,
abgelehnt hat. Auch nicht daran, dass die Europäische Union
zusätzliche Sanktionen beschloss. Unter anderem wird hochgestellten
iranischen Offiziellen, die mit dem Nuklear- und dem
Raketen-Programm verbunden sind, die Einreise in die EU verboten.
Offenkundig ist, dass die Situation um das iranische Atomprogramm
kurz vor der Endspurt steht. Hinter der Ziellinie wird Iran die
Technologien zur industriellen Urananreicherung haben - oder nicht
haben. Ebendies macht allen vor allem Besorgnisse: Verzichtet Iran
auf die Urananreicherung oder doch nicht?
Wahrscheinlich wird Diskussion der G8-Teilnehmer mit der Frage
verbunden sein: Wie ist mit Iran weiter zu verfahren? Sollen sie dem
Land immer wieder sein Streben auszureden versuchen, den eigenen
vollen Nuklearzyklus zu haben und alle Arbeiten an der
Urananreicherung zu leisten? Oder wäre es vernünftiger, die
härtesten Wirtschaftssanktionen, bis hin zur Isolation, vorzusehen?
Begreiflicherweise hängt die Wahl der Varianten davon ab, wie weit
Iran bei der Entwicklung der Infrastrukturen für die
Urananreicherung vorangekommen ist.
Dmitri Medwedews Strategie der "Sprache positiver Anreize" bei den
Verhandlungen mit Iran, die er kurz vor dem Gipfel in einem
Interview für Medienvertreter aus den G8-Ländern formulierte, wird
die Diskussion zweifellos verschärfen.
Aber
seine Aufforderung, gegenüber "den so genannten problematischen
Programmen" bestimmter "problematischer Staaten" dem System von
"positiven Anreize" den Vortritt zu lassen und nicht den vom
UN-Sicherheitsrat angenommenen Resolutionen, die die betreffenden
Staaten "auf Biegen und Brechen werden erfüllen müssen", ist in
Bezug auf Iran kaum realisierbar (obwohl Medwedew gerade dieses Land
meinte, als er von "problematischen Staaten" sprach). Nun die
Gründe.
Die
Idee "positiver Anreize" ist nicht etwa grundsätzlich neu. Dieses
Prinzip wurde zum Beispiel erfolgreich (vorläufig erfolgreich) bei
den Verhandlungen mit Nordkorea über sein Nuklearprogramm angewandt.
Dieses Prinzip wurde und wird als Mechanismus des "Überredens" auch
bei den Verhandlungen mit Iran angewandt. Allerdings ohne jedes
Ergebnis.
Ein
charakteristisches Beispiel ist das schon erwähnte "Anreiz-Paket".
Danach zu urteilen, welche Erleichterungen und Bonusse für das
iranische Nuklearprogramm darin enthalten sind, handelt es sich
offenkundig bereits über die für die internationale Gemeinschaft
letzten möglichen Zugeständnisse an Iran. "Positiver" geht es wohl
gar nicht, und das Ergebnis ist wieder gleich null.
Das
vom russischen Präsidenten vorgeschlagene System von "positiven
Anreizen" ist im Fall Iran im Grunde so etwas wie das "System bis
zum siegreichen Ende". Angesichts der Kunst Teherans, sich um das
Problem herumzudrücken und Antworten auf konkrete Vorschläge (wie
das "Anreiz-Paket) auszuweichen, ist es sehr wahrscheinlich, dass
das "siegreiche Ende" wie Zehntausende beschickte Zentrifugen zur
Urananreicherung in der Atomanlage in Natans aussehen wird. Eine
solche Entwicklung um Irans Nuklearprogramm wollen aber die meisten
G8-Staaten, zumindest sieben von den acht, nicht.
Es
gibt noch mehrere Umstände, die die G8-Teilnehmer zwingen, die
Lösung des Atomstreits mit dem Mullah-Staat zu beschleunigen.
Erstens wird Iran mit einer eigenen Atom-Infrastruktur, die nicht
nur AKW-Brennstoff, sondern auch waffenfähiges Uran und Plutonium
herstellen kann, dem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von
Atomwaffen ein Ende setzen. Iran werden (nach dem Motto: Sind wir
etwa schlechter?) mehr als die 15 so genannten nuklearen
Schwellenstaaten folgen, die schon bereit sind, Atomtechnologien zu
entwickeln.
Zweitens ist den Experten die Politik Teherans nicht entgangen, die
auf die Hinauszögerung des Verhandlungsprozesses, auf Versuche
gerichtet ist, zwischen der Europäischen Union und den USA
einerseits, zwischen Russland und China andererseits Zwietracht zu
säen, alle mittels Drohungen des Austritts aus dem Atomsperrvertrag
zu erpressen und die Zusammenarbeit mit der IAEO zu begrenzen.
Ein
gutes Bild dazu liefert das kürzlich beschlossene Dokument des
iranischen Parlaments, in dem die sechs Unterhändler gewarnt werden:
"Wenn sie eine neue Resolution des UN-Sicherheitsrats bestätigen
oder Sanktionen verhängen, werden sie kein Ergebnis erreichen, ja
scharfe Entscheidungen provozieren. Etwa über die Einstellung der
Erfüllung des Zusatzprotokolls zum Garantieabkommen mit der IAEO im
Zusammenhang mit dem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von
Atomwaffen."
Drittens hat der Atomstreit eine weitere Komponente: Israel. Hier
sei an die Äußerungen von Irans geistigen Führern und seines
heutigen Präsidenten erinnert, "Israel als Staat von der
geographischen Weltkarte auszuradieren". Israel versprach
seinerseits, "mit beliebigen Mitteln" zu verhindern, dass Iran eine
Infrastruktur für die Urananreicherung schafft, von der es bis zur
Atombombe nur ein Schritt ist. Die Vermutung liegt nahe, dass Israel
in einem bestimmten Moment die Nerven verlieren könnte.
Es
ist klar: Irans Nuklearprogramm setzt vieles aufs Spiel. Deshalb ist
die Frage "Wie mit Iran verfahren?" für die G8 höchst aktuell.