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Warum die USA mit einem Angriff auf Iran zögern

NDR Info - Germany

Noch arbeiten die Diplomaten unter Hochdruck an einer Lösung im Streit um Irans Atomprogramm. Doch längst ist klar, dass auch die Planungen für eine militärische Option auf Hochtouren laufen. Bomben auf Isfahan oder Natans? tagesschau.de befragte dazu zwei Nahostexperten.

Von Christian Radler, tagesschau.de

Das iranische Atomprogramm ist strikt zivil ausgerichtet - das behauptet Teheran seit Jahren. Allerdings ist nicht klar, ob das stimmt. Eine unabhängige Überprüfung dieser Behauptung sei nicht möglich, sagt der US-Politikwissenschaftler Michael Eisenstadt im Gespräch mit tagesschau.de. "Die Internationale Atomenergiebehörde ist zwar in Iran tätig, doch sie kann sich seit mehr als zwei Jahren nur noch sehr eingeschränkt im Land bewegen."

Auch die ausländischen Geheimdienste tappten weitgehend im Dunkeln, sagt Eisenstadt. Die USA etwa wussten erst im Herbst 2007, dass vier Jahre zuvor das militärische Nuklearprogramm Irans eingestellt worden war - eine Blamage vor allem für die Regierung George W. Bushs.

Wie lange bliebe militärisches Programm geheim?

"Wer weiß", so Eisenstadt, "wie lange die Wiederaufnahme eines iranischen Atomwaffenprogramms unentdeckt bliebe. Zeit ist dabei aber der entscheidende Faktor. Innerhalb eines Jahres könnten die Iraner genug Uran angereichert haben, um wieder in den militärischen Teil eines Nuklearprogramms einzusteigen."

Der Berliner Nahostexperte Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik räumt ein, dass Irans Atomprogramm "einen zivilen Aspekt" habe. Er halte allerdings die "Urananreicherung und die Schwerwasserprogramme" für problematisch, so Thränert im Gespräch mit tagesschau.de, denn: "Diese scheinen hauptsächlich darauf ausgerichtet zu sein, Atomwaffen zu bauen."

Verhandeln vor Angreifen

Eigenen Angaben zufolge bräuchte Iran mindestens 50.000 Zentrifugen zur Anreicherung von Uran, um ein kleineres Atomkraftwerk zu betreiben. In den Geräten wird das Uran auf fünf Prozent konzentriert - so weit, dass man Brennstäbe für Kernkraftwerke daraus herstellen kann. Langwieriger und technisch anspruchsvoller ist es dagegen, Uran in den Geräten auf 85 Prozent anzureichern - dann wäre es bombenfähig.

Mindestens 3600 Zentrifugen hat Iran inzwischen in seinen großteils unterirdischen Atomanlagen in Betrieb. Für die internationale Gemeinschaft bedeute dies, dass sie rasch handeln müsse, sagt der US-Politologe Eisenstadt. Beide Optionen, die diplomatische wie die militärische sollten dabei nebeneinander her betrieben werden. "Wobei klar ist, dass die Diplomatie Vorrang hat, auch weil vor einer militärischen Aktion noch zahlreiche Unklarheiten beseitigt werden müssten."

Denn Iran hat die meisten seiner nuklearen Anlagen tief in der Erde eingegraben, viele unter meterdicken Betonwänden. "Wo genau die Bunker sind und wie sie zerstört werden können, muss klar sein, bevor die Bomben fallen", sagt Eisenstadt, der unter anderem die Angriffspläne für die "Operation Freiheit für Irak" mit ausgearbeitet hat. Ohnehin müssten aber viele der Ziele mehrfach getroffen werden, um sie auszuschalten. "Wenn die Angreifer nicht sicher sind, dass sie ihre Ziele zerstören, ist die Bombardierung sinnlos."

Bush schreckt vor Militäraktion zurück

Wer aber würde Irans Atomanlagen angreifen? "In den USA zögert die scheidende Regierung Bush, der neuen Regierung noch einen Krieg zu vererben", sagt Eisenstadt. Außerdem werde Washington größeren Wert darauf legen, erst alle diplomatischen Mittel auszuschöpfen. Auch, weil das teure und blutige Debakel nach dem Alleingang im Irak Bush nachhängt.

Und selbst wenn die meisten iranischen Anlagen zerstört würden: Unklar bliebe, wie Iran davon abgehalten werden könnte, zerstörte Einrichtungen wieder aufzubauen. "Auch das sollte vor einem Angriff klar sein, sonst stellt sich in ein paar Jahren wieder die Frage: Verhandeln oder Bombardieren", so Eisenstadt, der im Juni "Das letzte Mittel", einen weit beachteten Fachaufsatz zum iranischen Atomprogramm, veröffentlichte.

Dass die iranischen Bunker im Falle eines Angriffsbefehls mit taktischen Atomwaffen geknackt und die Gelände so auf lange Zeit durch Strahlung unpassierbar gemacht werden könnte, hält Eisenstadt nach eigenen Worten für unwahrscheinlich. "Wir diskutieren das in Washington nicht."

Jerusalem mit kurzfristigerer Agenda

Insgesamt läge die Schwelle zum militärischen Eingreifen seitens der USA also vergleichsweise hoch. "Anders liegt der Fall bei Israel: Jerusalem hat eine kurzfristigere Agenda." Israel wäre allerdings auch besonders verwundbar durch eine Atombombe. Unter Militärexperten wird der Staat auch "Ein-Bomben-Land" genannt, weil es durch eine einzige Atombombe praktisch ausgelöscht werden könnte.

Schwer wiegende Folgen für Regional- und Geopolitik

Die Folgen eines Angriffs auf Irans Atomanlagen wären nach Einschätzung Eisenstadts und Thränerts fatal für die Regional- und Geopolitik. Eisenstadt warnt vor Terroranschlägen gegen US-amerikanische und israelische Einrichtungen weltweit, Thränert sagt eine verschlechterte Sicherheitslage der US-Truppen in Irak und Afghanistan voraus. Beide sind sich sicher, dass Hamas und Hisbollah Attacken auf Israel vom Gazastreifen und dem Südlibanon aus intensivieren würden.

Einig sind die beiden Politologen sich auch darin, dass der Ölpreis im Falle einer Bombardierung Irans weiter anstiege. Iran könnte den Export einstellen, zusätzlich die Seestraße von Hormus blockieren, durch die 90 Prozent des Öls aus der Golfregion transportiert werden. So unsicher die Erfolgsaussichten eines Angriffs also wären - der Preis wäre neben zehntausenden Toten fast sicher eine weltweite Wirtschaftskrise.