Kommt Iran zur Besinnung?
Berliner Kurier - Berlin,Germany
Von
Joschka Fischer
Iran zeigt sich im Atomstreit derzeit
gesprächsbereit. Es gibt Anzeichen dafür, dass diesmal mehr
dahintersteckt als die übliche Hinhaltetaktik.
In
Teheran scheint die Botschaft angekommen zu sein, dass eine
Fortsetzung des iranischen Atomprogramms höchstwahrscheinlich
militärische Konsequenzen haben wird. Zumindest gibt es aus Teheran
beachtenswerte Signale, die auf eine verstärkte
Verhandlungsbereitschaft hindeuten.
Dabei
unterliegt die iranische Führung auch weiterhin der
Fehleinschätzung, die israelischen Drohungen seien nur Ausdruck der
innenpolitischen Probleme Ehud Olmerts, was schlicht falsch ist.
Zwar hat die israelische Regierung große Probleme, sie sind aber
nicht Ursache für die zugespitzte Situation zwischen Israel und
Iran. Auch inmitten einer innenpolitischen Krise besteht in Israel
gegenüber Irans möglicher Nuklearbewaffnung ein
parteienübergreifender Konsens. Dieser Konsens besagt, dass - wenn
es nicht zuvor zu einer diplomatischen Lösung kommt - eine mögliche
iranische Nuklearbewaffnung mit allen Mitteln zu verhindern ist.
Auch in Saudi-Arabien und einigen anderen arabischen Staaten wird
diese Sichtweise unterstützt, wenn auch meist hinter verschlossenen
Türen.
Es
gibt aber nun Anzeichen, dass in Teheran mehr Realismus eingekehrt
ist. Das jüngste Angebot der "5+1", also der fünf ständigen
Sicherheitsratsmitglieder und Deutschlands, wurde in Teheran
begrüßt. Dieses Angebot sieht neben einer weitreichenden
Zusammenarbeit in politischen und wirtschaftlichen Fragen auch eine
Zusammenarbeit mit Iran in nuklearen Fragen vor. Es beinhaltet
beispielsweise auch den Bau und die Lieferung von
Leichtwasserreaktoren sowie den iranischen Zugang zu nuklearer
Forschung und Entwicklung. Voraussetzung dafür ist aber eine
verbindliche Vereinbarung.
Neu
ist nun, dass Irans Führung auch auf das vorgeschlagene
Verhandlungsverfahren der "5+1" positiv reagiert hat. In der
Vorverhandlungsphase bedeutet dies den Verzicht auf die
Installierung neuer Zentrifugen, während die "5+1" ihrerseits im
UN-Sicherheitsrat keine neuen Sanktionen verlangen werden.
Zu
Beginn der Verhandlungsphase soll dann seitens Irans eine
sechsmonatige Unterbrechung der Urananreicherung und aller damit
verbundener Aktivitäten erfolgen. Die Einhaltung dieses
Anreicherungsstopps soll von der Internationalen Atomenergieagentur
kontrolliert werden. Gleichzeitig würde der UN-Sicherheitsrat sich
für die Dauer dieser Verhandlungen auch nicht weiter mit dem
iranischen Atomprogramm befassen.
Irans
positive Reaktion auf dieses vorgeschlagene Prozedere ist insofern
schon beachtlich, als dass die iranische Regierung nun seit über
vier Jahren nicht bereit war, eine Unterbrechung der
Urananreicherung auch nur zu erwägen.
Ziel
der Verhandlungen soll eine umfassende Vereinbarung zwischen Iran
und den "5+1" sein, die sowohl den Nuklearkonflikt als auch die
regionalen Sicherheitsfragen lösen soll.
Darüber hinaus kommen aus Iran Signale, dass man, nachdem man die
Urananreicherung technisch beherrsche, sich auch durchaus vorstellen
könne, in Zukunft die Anreicherung in einem Drittland und - in
Zusammenarbeit mit dem Westen - in einem gemeinsamen Konsortium
fortzusetzen. Ein ähnlicher Vorschlag Russlands war noch vor einiger
Zeit brüsk zurückgewiesen worden.
Man
scheint in Teheran auch begriffen zu haben, dass es keine umfassende
Lösung in der Region ohne Israel geben kann. Zwar will Teheran
keinesfalls eine israelische Hegemonie akzeptieren, die Tonlage
beginnt sich aber auch gegenüber Israel zu verändern. Der wüste
Antisemitismus eines Präsidenten Ahmadineschad wird neuerdings
unverblümt von einem der engsten Vertrauten des obersten
Religionsführers, dem früheren Außenminister Welajati, kritisiert.
Und iranische Vertreter signalisieren, dass man um die Bedeutung
Israels für eine umfassende Lösung wisse und sich vorstellen könne,
auch mit Israel ins Geschäft zu kommen.
Dies
sind neue Töne aus Teheran oder zumindest hat man diese in den
Jahren seit dem Amtsantritt Präsident Ahmadineschads nicht mehr
gehört. Meint es Iran nun wirklich ernst? Oder ist es wieder nur die
alte Hinhaltetaktik? Will Teheran nur ein weiteres Mal Zeit kaufen,
um in der Endphase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs
nicht zu viel negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Diese
Frage kann nur im Praxistest der Verhandlungen - diesmal unter
direkter Teilnahme der USA - beantwortet werden.
Sollte es Iran ernst meinen, wird es um nichts Geringeres gehen, als
um einen großen regionalen Interessenausgleich zwischen Iran und den
USA, sowie Europa und den regionalen Verbündeten der USA, ein
sogenannter „Grand Bargain“ also.
Wenn
Teheran nun aber lediglich auf Zeit spielt, wäre das kurzsichtig und
töricht. Denn die Gefahr einer militärischen Konfrontation würde
auch unter einer neuen amerikanischen Regierung nicht verschwinden.
Im Fall des Scheiterns der Verhandlungen wäre die Gefahr einer
Konfrontation sogar noch größer.
Weder
John McCain noch Barack Obama werden in der Frage der regionalen
Hegemonie Irans und seines Nuklearprogramms eine weichere Haltung
einnehmen als es die gegenwärtige amerikanische Regierung tut.
Sollte die diplomatische Lösung scheitern, würden sie eher noch
härter reagieren. Die sich jetzt abzeichnende Chance für eine
diplomatische Lösung muss daher unbedingt getestet werden.
Sollte in der obersten Führung in Teheran die Einsicht um sich
gegriffen haben, dass es vernünftiger ist und eher den Interessen
des Landes entspricht, die außenpolitischen Erfolge der letzten
Jahre und die Existenz des Regimes zu konsolidieren, als nun alles
in einer militärischen Konfrontation mit unabsehbaren Folgen zu
riskieren, dann besteht eine echte Chance für eine diplomatische
Lösung.
In
Deutschland gibt es dafür ein kluges Sprichwort: Besser den Spatz in
der Hand als die Taube auf dem Dach.