„Die Welt
sucht nach neuer Ordnung“
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Steinmeier und Kissinger im Gespräch
07. Juli
2008 Am Rande des „Frankfurter Allgemeine Forum“ über transatlantische
Beziehungen in Berlin sind Bundesaußenminister Steinmeier sowie der
frühere amerikanische Außenminister und Sicherheitsberater Kissinger zu
einem F.A.Z.-Gespräch zusammengekommen. Mit ihnen sprachen Klaus-Dieter
Frankenberger und Günther Nonnenmacher.
Herr
Kissinger, erleichtert der Wechsel im russischen Präsidentenamt von
Putin zu Medwedjew die Kooperation des Westens mit Russland?
Kissinger: Auch unter Putin war Zusammenarbeit möglich. Aber ich glaube,
dass die neue Administration eine eigene Persönlichkeit hat und eine
neue Struktur der Entscheidungsfindung produziert. Die Möglichkeiten
einer engeren Kooperation mit Medwedjew sollten auf alle Fälle erforscht
werden.
Auf
welchen Feldern könnte diese engere Kooperation möglich sein? Ist
Abrüstung eines?
Kissinger: Ich glaube, dass die Russen bereit sind, über Abrüstung zu
reden, so wie sie bereit sind, über Iran zu reden. Der Außenminister
kann das bestätigen. Aber wir müssen das in einen größeren Rahmen
stellen. Ich habe in Amerika den Vorschlag unterstützt, uns ernsthaft
mit dem russischen Vorschlag zu befassen, eine gemeinsame Raketenabwehr
in Aserbaidschan zu errichten.
Steinmeier: Bei einer Antwort greifen wir zu kurz, wenn wir nur auf die
Veränderung in Russland schauen. Die Welt ist auf der Suche nach neuer
Ordnung, und wir brauchen eine Rolle Russlands darin, damit aus der
Suche nach Ordnung keine neue Unordnung wird. Wir brauchen Russland,
wenn wir in der neuen, multipolaren Welt die globalen Probleme lösen
wollen. Der neue russische Präsident hat mehrfach seinen Willen
bekundet, Russland zu modernisieren. Diese Modernisierung ist in erster
Linie eine Angelegenheit Russlands. Aber manchmal habe ich den Eindruck,
dass wir uns zu sehr in der Rolle des abwartenden Beobachters sehen. Wir
unterschätzen, dass wir durch unsere Haltung gegenüber Russland dort die
Spielräume für Modernisierung und Reformen beeinflussen können. Dieser
Gedanke steht hinter meinem Angebot einer Modernisierungspartnerschaft,
die von der Modernisierung des Rechtsstaates bis zur Modernisierung der
Energieversorgung reichen kann. Ich sehe also Möglichkeiten der
Kooperation mit Russland, und ich sehe sie ausdrücklich auch im Bereich
der Abrüstungspolitik. Und das ist wiederum Schwerpunkt der beiden
amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und des russischen
Präsidenten. Deswegen kann das Jahr 2009, wenn die Präsidentenwechsel in
beiden Ländern vollzogen sein werden, ein Jahr der Möglichkeiten werden.
Kann
man denn mit dem Thema Nato-Beitritt der Ukraine so umgehen, dass es
nicht zu einer Eskalation im Verhältnis des Westens zu Russland kommt?
Steinmeier: Sie haben recht, das Jahr der Möglichkeiten schützt uns
nicht davor, die bestehenden Konflikte zu lösen. Ein Konflikt, den wir
in der Nato, zwischen einigen europäischen Partnern und den Vereinigten
Staaten haben, ist die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens.
Ich habe gelegentlich den Eindruck, dass die Reichweite der Beschlüsse
des Nato-Gipfeltreffens von Bukarest unterschätzt wird. Zwar wurde kein
Beschluss über einen „Beitrittsplan zur Mitgliedschaft“ gefasst, aber
beiden Ländern wurde eine klare Perspektive für den Beitritt gegeben.
Auf der Basis müssen wir jetzt weiterarbeiten und uns um die konkreten
Probleme kümmern, die es etwa in der georgischen Provinz Abchasien gibt.
Hier hat Deutschland als Vorsitzender der UN-Freundesgruppe konkrete
Vorschläge unterbreitet.
Aus
russischer Sicht ist vermutlich der Beitritt der Ukraine zur Nato
dramatischer als der Georgiens.
Kissinger: Die Ukraine ist das bei weitem emotionalste Thema für
Russland, weil ein großer Teil der russischen Geschichte mit dem
Territorium der Ukraine verbunden ist. Ich halte es für wichtig, der
Ukraine zunächst die Möglichkeit zu geben, die engstmögliche politische
Beziehung zur Europäischen Union und Amerika herzustellen. Das könnte
erreicht werden, ohne dass unser Verhältnis zu Russland fundamental
beeinträchtigt würde.
Ohne
Russland wird man auch den Nuklearkonflikt mit Iran nicht regeln können.
Mitte Juni hat der EU-Außenbeauftragte Javier Solana ein neues
Verhandlungsangebot der fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat und
Deutschlands an Teheran übergeben. Was bringen diese diplomatischen
Bemühungen?
Steinmeier: Im Moment kann Ihnen keiner sagen, wie die Antwort Irans
ausfallen wird. Es gibt Indizien, die wir bewerten müssen. Ein Indiz war
die offene Behandlung des Themas bei der Übergabe des Angebots durch
Javier Solana in Teheran. Solana hat die Möglichkeit gehabt, mit
unterschiedlichen Medien zu sprechen. Es hat eine breite
Berichterstattung über das Angebot in Iran gegeben. Es gibt ganz
offenbar Aktivitäten Irans, international wieder aktiver zu werden. Wir
stellen fest, dass es keine festgefügte Haltung in der Führung gibt.
Insofern bleibt es dabei, dass wir unsere Gesprächspartner in Iran davon
überzeugen wollen, eine kluge, eine weitsichtige, eine auch im Interesse
Irans liegende Position einzunehmen, die uns die Möglichkeit des
Wiedereintritts in die Gespräche gibt und uns auf den Kurs einer
diplomatischen Lösung bringt. Ob dies gelingt, ist ungewiss. Und
insofern bleibt es auch dabei: Wenn es zu keinen Fortschritten und zu
keinen konstruktiven Antworten aus Teheran kommt, müssen wir über eine
neue Runde im Sicherheitsrat nachdenken, ausdrücklich mit Russland und
ausdrücklich mit China.
Wenn
auf diplomatischem Weg nicht verhindert werden kann, dass Iran die
Schwelle zur Nuklearmacht überschreitet, wäre dann auch der Einsatz
militärischer Mittel gerechtfertigt, oder würde man eher auf
Abschreckung setzen?
Kissinger: Ich möchte zuerst noch einmal etwas zum Außenminister sagen.
Ich habe immer die Möglichkeit bezweifelt, dass wir einen Erfolg
erzielen auf der Basis kleiner Sanktionen und kleiner Anreize. Ich
glaube, dass das Nuklearthema letztlich mit einer größeren Diskussion
über die Rolle Irans und die Haltung zu Iran zusammenfließen muss.
Das
heißt direkte Gespräche der Vereinigten Staaten?
Kissinger: Ja, unter direkter Beteiligung der Vereinigten Staaten an
einem bestimmten Punkt. Darüber hinaus müssen wir darüber sprechen, wie
viel Zeit wir noch haben und was unsere Position sein wird, wenn der
„Point of no return“ im iranischen Nuklearprogramm erreicht sein wird.
Wir brauchen eine gemeinsame Position, was zu tun ist, wenn die
Verhandlungen zu keinem Erfolg führen. Und wir brauchen eine gemeinsame
Position für ein umfassendes politisches Programm gegenüber Iran, und
wir Amerikaner müssen bereit sein, daran mitzuwirken. Wenn die
Verhandlungen scheitern sollten, dann haben wir eine ernste Frage vor
uns. Niemand sollte abstrakt über den Einsatz militärischer Gewalt
reden. Aber man könnte über wirklich schwerwiegende Sanktionen reden.
Und
die Russen wären mit im Boot?
Kissinger: Am Ende des Prozesses, wenn klar ist, dass Iran vor dem
Besitz nuklearer Waffen steht, und wenn klar ist, dass alle anderen
Optionen erschöpft sind, dann werden die Russen schon aus eigenem
Interesse einer umfassenden Anstrengung gegenüber aufgeschlossen sein,
um das Problem zu lösen. Denn sie sind noch unmittelbarer bedroht. Jetzt
zur Abschreckung. Als ich noch Regierungsverantwortung trug, war das das
Problem, das mich am meisten beschäftigte. Was wäre geschehen, wenn der
Präsident zu mir gekommen wäre und gesagt hätte, wir haben alle
Möglichkeiten ausgeschöpft, sollen wir jetzt Atomwaffen einsetzen? Ich
weiß, dass wir mit dem Einsatz gedroht haben, aber es tatsächlich zu
tun, zu wissen, dass an einem Tag Millionen von Menschen ihr Leben
verlieren könnten, das ist eine große moralische Verantwortung. Es ist
niemals dazu gekommen, weil wir zwei Länder hatten, die das gleiche
Risiko hatten. Wenn wir aber zehn bis fünfzehn Länder haben, die nicht
nur Streit mit uns haben, sondern auch Streit untereinander, dann wird
Abschreckung nicht funktionieren.
Steinmeier: Das veranlasst uns dazu, nicht nur über die
Erfolgsaussichten nuklearer Abschreckung nachzudenken, sondern auch
darüber, wie wir weltweit nuklear abrüsten können. Diese Debatte wird in
den letzten Wochen und Monaten in einer größeren Öffentlichkeit geführt.
Werden, Herr Kissinger, die großen Führungsmächte, ohne die es nicht
gehen wird, Initiativen ergreifen?
Kissinger: In Amerika haben vier Außen- und Sicherheitspolitiker sich
dazu geäußert: Sam Nunn, George Shultz, William Perry und ich, zwei
Demokraten und zwei Republikaner. Wir waren alle zeit unseres Lebens für
eine starke nationale Verteidigung. Ich bin überzeugt, Herr Minister,
dass wir das Abrüstungsproblem in den Griff bekommen müssen. Denn es
kann natürlich nicht sein, dass Nichtverbreitung eine Forderung sich
bewaffnender Staaten ist zur Entwaffnung nichtnuklearer Staaten.
Wie
verträgt sich der Wille zur Abrüstung mit dem Bau eines
Raketenabwehrsystems?
Steinmeier: Der Streit hierüber ist immer verkürzt begriffen worden. Wir
streiten uns nicht darüber, ob wir uns gegenüber neuen Bedrohungen
schützen müssen, auch militärisch. Der Streit geht eher darüber, ob
diejenigen, die sich solchen Bedrohungen gemeinsam ausgesetzt sehen,
nicht auch einen gemeinsamen Schutz gegen neuartige Bedrohungen
organisieren. Wie Herr Kissinger vorhin schon zum Ausdruck gebracht hat,
dass Russland sich von einer nuklearen Bewaffnung Irans weitaus stärker
bedroht fühlt als andere Regionen der Welt, so mache ich auch die
Erfahrung, dass die Bedrohung durch Mittelstreckenraketen aus dem
Mittleren Osten in Russland sehr ernst genommen wird. Insofern erschiene
es mir vernünftig, wenn wir mit einer solchen neuartigen Bedrohung
konfrontiert sind, uns nicht von anderen abzuschotten, die sich
ebenfalls bedroht fühlen, sondern nach gemeinsamen Möglichkeiten der
Gegenwehr zu suchen. Deswegen bin ich froh, dass nach anfänglichem
Streit und Missklängen Gespräche zwischen Russland und den Vereinigten
Staaten auf dem Wege sind, ob man gemeinsame Abwehrmöglichkeiten, in
Aserbaidschan oder anderswo, finden kann.
Kissinger: Die Raketenabwehr hat natürlich technische und strategische
Aspekte, die zu klären sind. Es ist aber eine andere Geschichte, wenn
eine Nato-Entscheidung auf russischen Druck umgestoßen wird. Die
Vereinbarungen der Präsidenten Putin und Bush in Sotschi waren, was die
Raketenabwehr in Polen und der Tschechischen Republik anbetrifft,
ziemlich konstruktiv. Ein Raketenabwehrsystem in Südrussland oder
Aserbaidschan könnte sich als strategisch und politisch sinnvoll
erweisen.
Welche
Chancen haben der gegenwärtige Prozess indirekter Gespräche Israels mit
Syrien, die Waffenruhe mit der Hamas und die Vereinbarungen mit der
Hizbullah?
Kissinger: Zunächst bin ich deswegen davon überzeugt, dass es zu
Verhandlungen mit Iran kommen wird, weil Teheran einsehen wird, dass es
die ganze Region nicht ohne militärischen Konflikt beherrschen kann. Die
Wahl ist: Verhandlungen vor oder nach diesem Konflikt zu führen.
Wäre
auch Präsident Bush zu solchen Verhandlungen bereit?
Kissinger: Fragen Sie das Herrn Steinmeier, der hat mehr Gelegenheit,
mit Präsident Bush zu sprechen (lacht). Ich glaube, wenn der Rahmen
stimmt, wäre er bereit mitzumachen.
Steinmeier: Natürlich war zu sehen, dass es ein gemeinsames Interesse an
der Eindämmung des iranischen Einflusses in der Region gibt. Und gerade
bei erfolgreichen israelisch-palästinensischen Verhandlungen ist es
unsere internationale Aufgabe, die Zahl der möglichen Störer einer
solchen Verabredung zwischen Israel und Palästina möglichst gering zu
halten. Deshalb ist aus meiner Sicht die Eröffnung von indirekten
Gesprächen mit Syrien aus israelischer Perspektive höchst rational.
Eng
mit diesen Fragen verbunden ist das Problem des Terrorismus. Eine
gemeinsame Antwort auf diese Bedrohung scheint noch nicht gefunden. Muss
man dazu nicht auch Bewegungen wie die Hamas oder die Hizbullah in die
Gespräche einbeziehen?
Steinmeier: Erstens ist es richtig, die endgültige Antwort haben wir
nicht gefunden, und sie wird vielleicht auch nie gefunden werden, denn
die Phänomene von internationalem und erst recht fundamentalistischem
Terrorismus sind unterschiedlich. Aber natürlich haben wir unsere Lehren
aus Afghanistan gezogen. Ich halte es bis heute für richtig, dass
Deutschland sich in Afghanistan engagiert hat, um diesem in 30 Jahren
Krieg und Bürgerkrieg geschundenen Volk wieder auf die Beine zu helfen,
aber auch um uns vor den Gefahren des von Afghanistan ausgehenden
Terrorismus zu schützen. Dabei haben wir in Afghanistan gelernt, dass
eine militärische Antwort auf den Terrorismus nicht ausreicht, dass wir
in Fällen wie in Afghanistan das gleiche Schwergewicht auf den
Wiederaufbau und auf das Building legen müssen. Aber natürlich können
wir das, was wir in Afghanistan gelernt haben, nicht ohne weiteres auf
andere Regionen übertragen. Die Stabilisierung der Lage im Nahen Osten
folgt sicherlich anderen Kriterien als in Afghanistan. Im Rückblick war
das Gespräch, was jetzt kürzlich, vermittelt über die Ägypter, zwischen
Fatah und Hamas geführt worden ist, vor Monaten auch deshalb noch nicht
möglich, weil die Gewalt mit hoher Intensität aus dem Gazastreifen
anhielt und weil es auch der drängende Wunsch des palästinensischen
Präsidenten selbst war, nicht eine zweite Verhandlungslinie neben seinen
Direktgesprächen mit Olmert aufzubauen.
Kissinger: Es ist nicht irrational von Israel, zu erwarten, dass eine
Gruppe, mit der es Verhandlungen geben soll, bestimmte Prinzipien
akzeptiert. Das muss keine bestimmte territoriale Regelung sein, aber
die Existenz von Israel muss akzeptiert werden.
Kaum
ein außenpolitisches Thema hat die Präsidentschaft von George W. Bush so
beherrscht wie der Irak. Wo wird das Land in fünf Jahren stehen? Und wie
wird die Geschichte Bushs Irak-Politik beurteilen?
Kissinger: Ich bin Bush freundschaftlich verbunden, obwohl ich im Jahr
2000 Senator McCain unterstützt habe. Ich glaube, die Geschichte wird
Bush besser beurteilen als die Zeitgenossen. Im Irak kann ich mir die
folgende Entwicklung vorstellen: Es gibt eine Außenministerkonferenz
aller Nachbarstaaten plus der ständigen Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats; Syrien und Iran nehmen an den Beratungen auch teil.
Wenn es im Irak eine Art sunnitisch-schiitisches Gleichgewicht gibt,
Autonomie für die Kurden und eine Zentralregierung mit konföderalen
Eigenschaften, dann könnte innerhalb kurzer Zeit diese internationale
Konferenz aktiviert werden und wie die Europäische Sicherheitskonferenz
arbeiten. Sie könnte sich auf bestimmte Prinzipien für den politischen
Status des Iraks einigen, was wiederum zu einer Begrenzung von außen
kommender Aktivitäten führen könnte. Eine politische Lösung für den Irak
kann im ersten Teil der Amtszeit des neuen amerikanischen Präsidenten
erreicht werden, wenn sich die Dinge so wie in der letzten Zeit
weiterentwickeln. Das würde sogar den Abzug einiger amerikanischer
Truppen erlauben. Ich bin nicht so pessimistisch, was eine politische
Lösung anbelangt. Wie die Geschichte Bush beurteilen wird? Er hat die
große Frage unserer Zeit richtig verstanden. Aber bei der Umsetzung sind
Fehler gemacht worden.
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